Auf dem Weg ins Grüne

Am 16.05.2020 schreibt Stephanie Drlik in Die PRESSE > Spectrum > Architektur & Design zur Lage der österreichischen Landschaftsarchitektur Büros WÄHREND der Corona-Pandemie: Zigtausende Jobs hingen bisher an der Branche Landschaftsarchitektur – Tendenz steigend. Doch dann kam Corona. Und wie gehts jetzt weiter mit der Arbeit für Grün- und Freiräume?

Parks, erweiterte Straßenräume, Wohnanlagenfreiräume, Gärten, Terrassen, Balkone – all das haben wir in den vergangenen Wochen in Städten besonders zu schätzen gelernt. Im Covid-19-Pandemie-bedingten Lockdown mit Ausgangs- und Reisebeschränkungen waren all jene begünstigt, denen ein privater oder gemeinschaftlich nutzbarer Grünraum in direktem Wohnumfeld zur Verfügung stand. Wir wissen schon lange um die Bedeutung von Parks und Co., und gerade für Städter stellen sie oftmals die einzige Möglichkeit dar, mit der Natur in Verbindung zu treten, Bewegung zu machen und soziale Kontakte zu pflegen.

Im Klimawandel erhält diese große Bedeutung einen weiteren wichtigen Aspekt, denn ohne Grün in der Stadt wird es in den Sommermonaten schon bald unerträglich heiß werden. Daher sollten urbane Grün- und Freiräume in weiteren Planungen zu Krisen, ungeachtet ob Corona-Krise oder Klimakrise, ob des hohen Stellenwerts als sogenannte kritische Infrastruktur mitgedacht werden. So gilt es öffentliche Räume künftig auch in Krisenmanagementplänen zu berücksichtigen und dafür Sorge zu tragen, dass nicht nur ausreichend nutzbarer Freiraum verfügbar, sondern dieser auch in einem entsprechend hochwertigen Zustand vorzufinden ist. Diese Überlegungen müssen Teil der Aufarbeitung der Corona-Krise sein. Und zwar besser heute als morgen, damit sie Teil der gerade stattfindenden Konjunkturgespräche sein können.

Es gibt nämlich Bedarf an Investitionen in die Herstellung und Erhaltung ebenjener grünen Infrastruktur, die uns in den vergangenen Wochen in Städten so hilfreich war. „Das positive Bewusstsein über die Bedeutung von Grün in der Stadt ist in den letzten Jahren, nicht zuletzt aufgrund der Klimakrise, erheblich gestiegen, und davon hat die Landschaftsarchitektur merklich profitiert“, sagt Maria Auböck, Inhaberin von Auböck + Kárász Landscape Architects, Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Landschaftsarchitektur und Präsidentin der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs. „Daran gilt es nun anzuknüpfen und die Corona-Krise dafür zu nützen, Missständen entgegenzuwirken.“ Bei Freiraumbudgets wird hierzulande gerne gespart, was sich folglich in der Qualität der Freiräume widerspiegelt. „Als besonders kritisch empfinde ich den mangelhaften Pflegezustand so mancher öffentlichen Parkanlage“, so Auböck.

Dabei ist die hinter dem Grün- und Freiraum stehende Planungsbranche gar nicht zu unterschätzen, an ihr hängen bereits jetzt Zigtausende Jobs, Tendenz steigend. Erste Zahlen aus dem noch unveröffentlichten Green Market Report Austria, der die Branche der Bauwerksbegrünung unter die Lupe nimmt, belegen das. Allein dieser Sektor könnte künftig mehr als 8000 direkte und weitere 25.000 indirekt entstehende neue Arbeitsplätze schaffen. Rechnet man die wesentlich umfangreicheren grün-infrastrukturellen Aufgabenbereiche der Landschaftsarchitektur hinzu, so ergibt sich ein enorm wachsender Wirtschaftsfaktor. Doch mitten in dieser erfolgreichen Entwicklung kam Corona. Was sind die Folgen?

Grundsätzlich müssen für eine Marktanalyse zwei Bereiche unterschieden werden. Der Privatgartenbereich unterliegt in jeder Hinsicht seit Jahrzehnten einer steilen Wachstumskurve, wie sich nicht nur an der Nachfrage nach Gartenbedarfsartikeln in Baumärkten belegen lässt. Auch oder gerade in unsicheren Zeiten, in denen ein ganzes Land Reisebeschränkungen unterworfen ist, gewinnen die eigenen vier grünen Wände weiter an Bedeutung. Doch der Privatgarten ist ein überschaubares Betätigungsfeld für Landschaftsarchitekten, denn nur wenige Private lassen Garten oder Terrasse von Profis planen.

Es sind andere Bereiche, die in den vergangenen Jahrzehnten für die Landschaftsarchitektur wirtschaftlich relevant wurden: die Planung öffentlicher und teilöffentlicher Freiräume, also Parks, Plätze, nutzungserweiterte Straßenräume und Freiraumanlagen zu mehrgeschoßigen Wohnbauten oder zu anderen teilöffentlichen oder öffentlichen Gebäuden, sowie die für das Klima so wichtige grünbasierte Stadtplanung. Doch die sichtlich wachsende Nachfrage nach öffentlichen Grünanlagen im Lockdown scheint Landschaftsarchitekten nicht unweigerlich zu Profiteuren der Corona-Krise gemacht zu haben.

„Bei den heimischen Landschaftsarchitekturbüros fällt derzeit etwa ein Drittel bis ein Viertel des Umsatzes weg“, schätzt Sabine Dessovic, Inhaberin des Büros DnD Landschaftsplanung. „Das liegt am Ausbleiben der vielen kleineren Aufträge. Großprojekte, die bereits in Arbeit sind, laufen bei uns wie bisher normal weiter, und die Baustellen waren beinahe durchgehend in Betrieb.“ Das bestätigt auch Maria Auböck: „Die Baubranche steht unter enormem wirtschaftlichem Druck. Stehzeiten auf der Baustelle bedeuten Wertverlust, daher wurde weitergearbeitet. Doch unsere ausländischen Projekte in Corona-Krisengebieten stehen still.“

Bei DnD Landschaftsplanung hat es bisher auch noch keine Kürzungen der Freiraumbudgets gegeben, aber „natürlich überlegen Investoren, ob jedes geplante Vorhaben gerade jetzt umgesetzt werden muss“, sagt Dessovic. Und so wird die Realisierung des einen oder anderen gewonnenen Wettbewerbs vermutlich auf Eis gelegt. „Es ist die Planungsunsicherheit, die uns derzeit zu schaffen macht. Fällt ein Auftrag jetzt weg, können wir die Gehälter nicht über mehrere Monate weiterfinanzieren, ohne zu wissen, ob im Herbst neue Aufträge eingehen.“ Aus diesem Grund kam es sogar in vielen Landschaftsarchitekturbüros bereits zu Kündigungen. Die Kurzarbeit ist nur für all jene Büros eine Option, die liquide genug sind, um Gehälter vorzufinanzieren. Und das ist bei den in der Branche überdurchschnittlich vielen kleinen oder jungen Unternehmen kaum der Fall. Zuschüsse aus dem Härtefallfonds haben lediglich punktuell geholfen, lautet der Tenor aus den Unternehmen.

Schwächelt die Branche weiterhin, wird sich das über kurz oder lang in den Freiräumen abzeichnen. Das könnte nicht nur fatale Auswirkungen auf die Zukunftsfähigkeit und Klimaresilienz unserer Lebensräume, sondern auch maßgeblichen Einfluss auf die Verfügbarkeit der begehrten Green Jobs haben. Gerade jetzt in der Krise ist daher der richtige Zeitpunkt, Investitionen in die weitere Entwicklung Österreichs zu einem klimaneutralen Innovationsland mit hochwertigen Lebensräumen zu tätigen. Wir waren bereits auf einem guten Weg – jetzt gilt es Maßnahmen zu setzen, die Ökologie, Klima, Gesundheit und Wirtschaft gleichermaßen fördern und die Branche zu einem dauerhaft wirksamen Job- und Konjunkturmotor machen. Zur Umsetzung der Maßnahmen wird es jedenfalls viele erfahrene Landschaftsarchitekturbüros brauchen. Bleibt zu hoffen, dass sie einen entsprechend langen Atem haben, um auch in Zukunft auf dem heimischen Markt die kritische Infrastruktur Freiraum sicherzustellen.

Titelfoto: (c) DnD Landschaftsplanung / S.Dessovic
So leer waren Baustellen während des Lockdown nur kurz. Die Lage für Landschaftsarchitekten bleibt dennoch prekär.