Wie ein einziger Garten

Dem einstigen Traum vom gesunden Wohnen verdanken wir eine der nobelsten und grünsten Wohngegenden Wiens – doch ist das Konzept noch zeitgemäß? Stephanie Drlik schreibt in Die Presse / Spectrum / 20.05.2022

„Freie Aussicht, (…) Licht und (…) Genuss frischer Luft sowie keine (…) Dünste oder üble Gerüche (…) Lärm oder mögliche Feuergefahr.“ Mit dem einstigen Slogan des Wiener Cottage Vereins würden Immobilienmakler heute Traumliegenschaften wie jene des Währinger und Döblinger Cottage vermutlich nicht mehr bewerben. Dabei haben sich die Rahmenbedingungen kaum geändert. Das ist zu einem erheblichen Teil dem geschichtsträchtigen Gründerverein geschuldet, der – nach wie vor aktiv – soeben sein 150-jähriges Bestehen feiert.

Das Einfamilienhaus mit großem Garten in Grünruhelage am Stadtrand mag für unser stadtplanerisches Werteverständnis im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß sein. Zumal die Villen der „Kotteesch“, wie das Nobelviertel bei eingesessenen BewohnerInnen heißt, für das Gros der Wiener Bevölkerung unerschwinglich sind. Doch das Cottage-Viertel geht ursprünglich auf ein ambitioniertes Sozialprojekt zurück, das die Verbesserung der Lebensbedingungen der Mittelschicht verfolgte. Die Gründerväter, allen voran der Wiener Architekt Heinrich von Ferstel, suchten im ausklingenden 19. Jahrhundert eine Alternative zu den Wohnungen in Zinskasernen in der Industrie-geprägten Großstadt Wien. Die Innovation lag in der städtebaulichen Idee der Gartenstadt. Ein ganzes Viertel sollte nach dem Leitgedanken des gesunden und leistbaren Wohnens für Familien in Eigentumshäusern mit offener Bauweise, Garten und grüner Umgebung geschaffen werden. Vorallem aber war die Herangehensweise hierzulande gänzlich neu, denn die private Quartiersentwicklung erfolgte über einen gemeinnützigen Errichtungsverein, den Wiener Cottage Verein.

Der Verein konstituierte sich im Jahr 1872 und Ferstel formulierte gemeinsam mit einigen bedeutenden und einflussreichen Mitstreitern die Rahmenbedingungen für die städtebauliche Entwicklung eines Cottage. Man erwarb einen dafür passenden Baugrund in Währing und bereits zwischen 1873 – 1875 entstanden die ersten 50 Familienhäuser mit Wohn- und Wirtschaftsräumen samt Garten. Der Verein fungierte dabei als Bauträger für die Planerstellung, Hauserrichtung, Gartengestaltung bis hin zur Finanzierung. In den Anfangsjahren beherrschte die vereinseigene Baukanzlei unter der Leitung von Chefarchitekt Carl von Borkowski das allgemeine Baugeschehen.

Die Quartiersentwicklung kam gut an und schon bald mussten weitere Acker- und Gartengrundstücke erworben werden, die ab 1890 zur Ausdehnung des Cottage in Richtung Döbling führten. Zur Absicherung der homogenen, nach den Prinzipien des Cottage Vereins vorgegebenen Gestaltung wurde im Grundbuch auf allen Liegenschaften eine Servitut eingetragen. Diese für Käufer verpflichtende Dienstbarkeit stellte die gewünschte offene und lockere Bauweise und Durchgrünung der Parzellen sicher.

Das Cottage wurde zunehmend für den gehobenen Mittelstand und das Großbürgertum attraktiv. Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Kultur stellten jedoch höhere Ansprüche an Wohnen und Repräsentation und so wurden die Bautätigkeiten in den meisten Fällen nicht mehr über die Cottage-Baukanzlei abgewickelt. Die ursprünglich schlicht gehaltenen Landhäuser im Cottage wuchsen zu teils beachtlichen, freistehenden Villen an. Daneben entstanden größere Mietvillen sowie ein Sport- beziehungsweise Eislaufplatz mit Clubhaus für die Allgemeinheit.

Die Cottage Gärten
Carl Ritter von Borkowski beschrieb das Cottage als einen „einzigen Garten, der von kreuzenden Straßen in große Beete geteilt wird“, denn das grüne Areal wurde schachbrettartig parzelliert. Ein typisches Charakteristikum des Cottage ist die straßenseitige Platzierung der Gebäude auf dem Grundstück, sodass die Gärten der einzelnen Parzellen zu großen Gartenkomplexen zusammenwuchsen. Auf den Baufeldern entstanden so großzügige Landschaften, die Häuserfronten waren mit Vorgärten ausgestattet.

Die Gartengestaltungen folgten zu Beginn der Quartiersentwicklung dem Stil des englischen Landschaftsgartens, überwiegend aus der Feder der Baukanzel. Vereinzelt wurden aber auch renommierten Gartenarchitekten engagiert, wie etwa Carl Gustav Swensson, der zu dieser Zeit mit der Gestaltung des angrenzenden Türkenschanzparks beschäftigt war. Die Idee und Initiative zur Schaffung des Türkenschanzparks geht im Übrigen auch auf das Engagement einiger Mitglieder des Cottage Vereins zurück.

Ebenso wie die Architektur der Bauwerke hat sich auch die Gartenarchitektur im Laufe der Jahrzehnte gewandelt. Im beginnenden 20. Jahrhundert setzte eine moderne architektonische Formensprache ein. Gärten wurden als Teil der Gebäudearchitektur mit formal geführten Wegen und Beeten gestaltet. Nach dem ersten Weltkrieg folgte eine Weiterentwicklung im Stil des neuen Hausgartens, der funktionaler und weniger architektonisch geplant war. Bekannte Vertreter der damaligen Landschaftsarchitektur, wie etwa Gartenarchitekt Albert Esch, waren tätig und einige Anlagen konnten bis heute erhalten werden.

(c) Wiener Cottage Verein

Tradition mit Zukunft?
Der 150 Jahre alte Wiener Cottage Verein hatte einstmals wichtige Aufgaben, doch heute? Als Errichtungsverein kann man längst nicht mehr fungieren, die Grenzen des Cottage- Viertels sind festgeschrieben und das Gebiet wurde bereits vor Jahrzehnten als Ensemble-Schutzzone gewidmet. Trotzdem gibt es als Interessensgemeinschaft einiges zu tun. Gerade die noch immer bestehenden, wichtigen Servituten-Rechte sorgen immer wieder für Konfliktpotential. Wo die Schutzinstanzen der Stadt Wien nicht greifen, sind es oftmals die privatrechtlichen Cottage Servituten, die in ihrer Wertigkeit gleichberechtigt neben der öffentlich-rechtlichen Bauordnung Bauvorhaben zumindest auf zivilrechtlicher Basis einschränken können. Hier gilt besonderes Augenmerk auf den Schutz der Grünräume zu legen, die von einigen Immobilienentwicklern oder EigentümerInnen mit Gebäude-Erweiterungsambitionen nur zu gerne als Potentialflächen gesehen werden. Doch der Verein bleibt unermüdlich tätig, den Cottage Charakter und die heute so wichtigen ökologischen und mikroklimatischen Funktionen zu bewahren.

Waren ursprünglich alle GrundstücksbesitzerInnen verpflichtend Mitglieder im Verein, so zählt man heute lediglich knapp 200 Mitgliedschaften, was bei rund mehreren Tausend CottagebewohnerInnen eher bescheiden anmutet. Damit AnrainerInnen sich, wie von den Gründervätern angedacht, als Gemeinschaft verstehen, braucht es jedenfalls einen aktiven Verein der alles zusammenhält. Diesem Anspruch scheint man gerade im heurigen Jubiläumsjahr nachkommen zu wollen. Neben der soeben erschienenen umfangreichen Publikation „Das Wiener Cottage. Der Traum vom gesunden Wohnen“ (Manz 2022), darf man sich im Juni auf ein Fachsymposium inklusive Festveranstaltung und eine öffentlich zugängliche Freiluft-Fotoausstellung an den Zäunen des Türkenschanzparks freuen.

Titelbild: Bezirksmuseum Währing