Ab in den Park!

Wohin mit Süchtigen, Obdachlosen und all den anderen StrassenbewohnerInnen? Die Linzer Antwort lautet: Verbannung aus der Innenstadt in einen historischen Park in Bahnhofsnähe. Betroffene, AnrainerInnen und ExpertInnen für Landschaftsarchitektur protestieren, das Stadtgartenamt bleibt untätig. Über eine Kontroverse im barocken Bergschlössl-Park.

Stephanie Drlik in DIE PRESSE > Spectrum > Architektur&Design / 20.4.2019

 

Es ist eine uralte Frage, die sich in jeder größeren Stadt stellt: Wie geht eine Stadtgesellschaft mit jenen Bürgerinnen und Bürgern um, die nicht der gängigen sozialen Norm entsprechen und andere Bevölkerungsgruppen durch ihre Präsenz im öffentlichen Raum stören oder sie durch kriminelle Aktivitäten gefährden? Oftmals mittellos oder eine Sucht bedienend, suchen betroffene Menschen gut frequentierte, öffentliche Plätze auf, um dort zu tun, was immer sie zu tun haben, oder um einfach ihren sozialen Bedürfnissen nachzugehen. Das gefällt den der Norm entsprechenden Bewohnern meist wenig, die sie sich als ordentliche Steuerzahler berechtigt fühlen, den öffentlichen Raum für sich zu beanspruchen und durch Einsatz des Sicherheitsargumentes auf verwaltungspolitischer Ebene Druck erzeugen.

Auch wenn die meisten von ihnen ungefährlich sind, kommt es vereinzelt zu unangenehmen Begegnungen zwischen verängstigten Passanten und stänkernden oder aggressiven Straßenbewohnern. Das führt dazu, dass in österreichischen Städten zunehmend mit Schutz- oder Verbotszonen gearbeitet wird, in denen Bettel-, Nächtigungs-, Alkohol-, Drogen- und sogar Aufenthaltsverbote für auffällige Personen ausgesprochen und exekutiert werden. Die Verbotszonen sind umstritten, nicht nur aus menschenrechtlicher Sicht. Exkludierende Maßnahmen im öffentlichen Raum führen zwar zur lokalen Verdrängung der Problemgruppen, da sich die zu Entfernenden aber nicht in Luft auflösen, verlagert sich die Sache an einen oder womöglich mehrere andere Orte, wo sich wiederum die dort ansässigen Bewohner in ihrem Sicherheitsgefühl gestört fühlen und protestieren.

So geschehen in der oberösterreichischen Landeshauptstadt Linz. Hier hatte man es mit einer aktiven Randgruppenszenerie zu tun, die sich hauptsächlich auf zwei zentral gelegene Hotspots zurückgezogen hatte, den Hessenpark und den Südbahnhofmarkt. Die Linzer waren unzufrieden, man führte Verbotszonen ein, und, siehe da, auch in Linz hatte die Maßnahme lediglich eine Verlagerung des Problems zur Folge. Die Szene wanderte einige Straßen weiter, auf den OK-Platz im Linzer Kulturquartier. Neuer Ort, gleiches Problem: Anwohner und Passanten waren auch hier verunsichert, und so stehen verantwortliche Stadtpolitiker erneut unter Druck.

Druck aus der Bevölkerung kann ein guter Motor für anstehende politische Entscheidungen sein, er kann aber ebenso zu überhasteten Kurzschlussreaktionen führen. In Linz trat offenbar Zweiteres ein. Zumindest zeugt die umstrittene Lösung des Linzer Bürgermeisters Klaus Luger von wenig Feingefühl für die Sache. Im Bestreben, das Konfliktpotenzial zwischen sozialen Randgruppen und der Innenstadtbevölkerung zu minimieren, entschied er – laut eigenen Angaben in einem Dialog zwischen Stadtregierung, Polizei, Suchtexperten und Sozialarbeitern –, die Alkohol- und Drogensüchtigen aus der Innenstadt in den bahnhofsnahen Bergschlössl-Park abzuleiten und dort eine Ersatzfläche für Suchtkranke zu schaffen. Nun kann man diskutieren, ob eine Verlagerung des Innenstadtproblems in ein Wohngebiet mit nahem Kindergarten und Hort sinnvoll ist oder ob die Proteste von besorgten Bewohnern weniger zählen als jene der Geschäftsleute des OK-Platzes. Man kann auch die Nähe des geplanten Standortes zum Hauptbahnhof mit seiner eigenen Drogenszene diskutieren, da die Kumulation unterschiedlicher sozialer Problemgruppen ein erhöhtes Konfliktpotenzial erwarten lässt. Und man kann diskutieren, ob der Wunsch der Betroffenen, die eine geplante Zwangsübersiedlung ablehnen, berücksichtigt werden sollte. Was aber bereits ohne Diskussion gegen den neu geschaffenen Aufenthaltsbereich für Randgruppen spricht, ist der historische Bergschlössl-Park selbst.

Der Bergschlössl-Park – historisches Kulturerbe

Gemeinsam mit dem von Barockbaumeister Johann Michael Prunner 1718 errichteten Bergschlössl bildet die Parkanlage eines der bedeutendsten historischen Ensembles im Linzer Stadtgebiet. Mit hoch- und spätbarocken Elementen und landschaftlich überformten Bereichen zählt der Park, 1777 als botanischer Garten eingerichtet, zu den ältesten botanischen Gärten Österreichs. Bis heute belegt ein naturschutzrelevanter und seltener Gehölzbestand diese Entwicklung. Der Bergschlössl-Park ist Teil des wertvollen Gartenkulturerbes der Stadt, worauf das Linzer Stadtmuseum Nordico vergangenes Jahr in einer „Stadtoasen“-Schau hinwies, ebenso wie der Botanische Garten, der den Bergschlössl-Park mit einer Ausstellung zum 300-Jahr-Jubiläum würdigte. Der alte Gehölzbestand schafft eine herrliche Aufenthaltsqualität auf mehr als 2,5 Hektar Parkfläche. In einer wachsenden Stadt wie Linz mit über 200.000 Einwohnern eine wichtige Naherholungsressource. Der geplante Randgruppenstützpunkt wird sich jedenfalls auf diese Erholungsnutzung inklusive der Nutzung des Standortes für Hochzeiten und ähnlich feierliche Anlässe auswirken.
Da die geplanten Vorhaben und die dafür notwendigen adaptiven Eingriffe die Nutzbarkeit, aber auch den historischen Wert der Anlage gefährden, gab es neben Anrainerprotesten zugleich Einsprüche aus der landschaftsarchitektonischen Fachwelt. Man verweist auf ein existierendes Parkpflegekonzept – bislang ohne Resonanz der Stadt. Dass der Bürgermeister von der Verordnung weiterer Verbotszonen absehen will, ist sinnvoll. Doch warum die Standortwahl für die Ersatzfläche auf ein derart unpassendes Objekt gefallen ist, bleibt unklar – wenngleich die Entscheidung auch nicht sonderlich überrascht.

Einspruch bitte!

Schon zuvor hat Linz mit einer offensichtlichen Geringschätzung gegenüber Grünräumen und der nach wie vor fehlenden Baumschutzsatzung auf sich aufmerksam gemacht, wie alarmierte Expertinnen und Experten berichten. Dabei war gerade das Stadtgartenamt Linz aufgrund seiner fortschrittlichen Arbeitsweise einstmals österreichweit geschätzt. Die daraus hervorgegangene Abteilung für „Stadtgrün und Straßenbetreuung“, wie sich das Grünamt heute nennt, tut sich jedenfalls nicht positiv hervor, auch nicht bei den aktuellen Fragestellungen zur Randgruppenthematik. Dabei wäre es ihre Aufgabe gewesen, eine schützende Hand über die historische Parkanlage zu legen. Ob diese Abteilung in den erwähnten Dialog der Stadtregierung zur Standortfrage eingebunden war, ist nicht bekannt.

Zur Kritik, nach der der Park aufgrund des Bewuchses schwer überwachbar sei, hat der Linzer Stadtpolizeikommandant in Medienberichten jedenfalls schon auf entsprechende Maßnahmen verwiesen. Bleibt zu hoffen, dass er nicht den radikalen Rückschnitt von historischen Sträucher- und Gehölzstrukturen gemeint hat. Wer Schillerplatz und Hessenpark kennt, muss das Schlimmste befürchten – fachlicher Einspruch vonseiten der Grünabteilung ist jedenfalls nicht zu erwarten.

Titelbild: (c) Elisabeth Lehner 2018