Die Geschichte einer Demontage

Ein Ministerentscheid degradiert die traditionsreiche Institution der Österreichischen Bundesgärten zur Unterabteilung einer Berufsschule. 400 Jahre Gartengeschichte, Kulturgüter ersten Ranges und wichtige Freizeit- und Touristenanlagen müssen sich nun ohne fachliche kompetente, akademische Leitung gegen den wachsenden wirtschaftlichen Druck behaupten. Von Stephanie Drlik

 

Zeitgenössische Landschaftsarchitektur hat es in Österreich wahrlich nicht leicht. Neben allen Schwierigkeiten hat lange Zeit ein mangelndes baukulturelles Verständnis die Situation für Landschaftsarchitekturschaffende erschwert. Doch es scheint, als hätte das Kulturland Österreich dieses baukulturelle Defizit erkannt, denn der Disziplin wird langsam aber stetig eine gesteigerte Wertschätzung zuteil und eine zunehmende Inklusion im allgemeinen Baugeschehen. Und gerade, da sich die zeitgenössische Landschaftsarchitekturproduktion endlich auch in Österreich als Kulturphänomen etabliert, erfährt jener Bereich der Landschaftsarchitektur eine politisch initiierte Abwertung, deren Materie bislang völlig unumstritten als wichtige Kulturgüter anerkannt waren: Die historischen Gartendenkmäler unseres Landes.

Demontage der Österreichischen Gartendenkmalpflege Teil 1
Die Gartendenkmalpflege widmet sich der fachgerechten Pflege, der zeitgemäßen Entwicklung sowie dem Schutz historischer Außenanlagen. Die Aufgabenstellungen sind besonders dann komplex, wenn es sich um Gärten und Parks mit speziellen Anfordernissen oder mit Schutzstatus handelt, etwa die als UNESCO-Weltkulturerbe ausgewiesenen Anlagen. Um die höchst diffizilen Aufgabenstellungen qualitätsvoll abwickeln zu können, bedarf es neben einer langjährigen fachlichen Vertiefung und Auseinandersetzung mit einzelnen Parks, einer umfassenden akademischen Fachausbildung. Dessen waren sich die EntscheidungsträgerInnen des Österreichischen Bundesdenkmalamtes scheinbar nicht bewusst, als vor einigen Jahren die von Géza Hajós fachkundig geleitete Abteilung für Gartendenkmalpflege in eine Sammelabteilung für Spezialmaterien ohne entsprechende Leitung eingegliedert wurde. Aus Sicht der Gartendenkmalpflege und des Ensembleschutzes eine völlig unverständliche Maßnahme, die hier zu Lande und international auf große Verwunderung gestoßen ist.

Demontage Teil 2: Die Österreichischen Bundesgärten
Nun liegt diese Fehlentscheidung bereits einige Jahre zurück und abermals erfährt Österreichs gartenkulturelles Erbe einen herben Rückschlag, diesmal durch einen direkten Ministerentscheid im Resort für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft: Die Österreichischen Bundesgärten, eine traditionsreiche Institution, die bereits vor mehr als 250 Jahren als kaiserliche Hofgärten geführt wurde, existieren in ihrer bisherigen Form als eigenständige Abteilung mit fachkundig geschulter Direktion nicht mehr. Verantwortlich für Verwaltung und Schutz von sieben der bedeutendsten Gartendenkmäler Europas, wurden sie an die Höhere Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Gartenbau Schönbrunn angegliedert. Die HBLFA Schönbrunn ist eine Berufsschule ohne nennenswerte gartendenkmalpflegerische Kompetenz. Umgelegt auf die Architekturszene käme diese Umstrukturierung einer Eingliederung des Bundesdenkmalamtes in eine HTL für Hochbau gleich. Die Fachwelt ist vor den Kopf gestoßen, denn die Kundmachung des überhastet getroffenen politischen Entschlusses drückt nicht nur eine abschätzige Haltung und ein hohes Maß an Unverständnis aus, sie ließ auch keinerlei Verhandlungsspielraum. Die Vorgehensweise zeigt wenig politisches Feingefühl und lässt sogar auf einen Verfahrensfehler schließen. Denn auf Grund der Tragweite der Entscheidung in Bezug auf das kulturelle Erbe in Bundesbesitz und durch die geteilten inhaltlichen Zuständigkeiten (Landschaft, Wirtschaft, Kultur), hätte der Entschluss die entsprechenden legislativen Instanzen durchlaufen müssen. Zudem bleibt anzumerken, dass sich das Urteil eines einzelnen fachunkundigen Politikers generell nicht über die Expertise einer ganzen Profession hinwegsetzen sollte. Die Fehlentscheidung wäre durch eine öffentlich geführte Fachdebatte und daraus resultierenden Alternativvorschlägen vermeidbar gewesen.

Gartendenkmalpflege versus Wirtschaftsmacht
Was bei der Maßnahme jedoch am stärksten wiegt, sind 400 Jahre österreichische Gartengeschichte, die sich nun ohne weisungsbefugte, fachlich kompetente, akademische Leitung gegen den wachsenden wirtschaftlichen Druck unter dem die Parks stehen, behaupten müssen: Der Schlosspark Ambras, der Hofgarten Innsbruck, der Schlosspark Schönbrunn, der Belvederegarten und die öffentlichen Wiener Parks Volksgarten, Burggarten und Augarten. Denn neben der gärtnerischen Pflege, wurde in den letzten Jahren vor allem die Abstimmung von Nutzbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Schutz des historischen Erbes zur Hauptaufgabe der Bundesgärten. Vor jeder Intervention wurde zwischen den heutigen Anforderungen, den Kriterien der Gartendenkmalpflege und den Pflegeprozessen abgestimmt. Eine heikle Angelegenheit, für die es eine Führungspersönlichkeit braucht, die nicht nur ein umfassendes fachliches Verständnis mitbringt, sondern auch in der Lage ist, sich im Sinne der Interessen der Gartendenkmalpflege gegen mächtige Player zu behaupten. Denn die Gärten sind nicht nur Kulturgüter ersten Ranges, sondern auch wichtige Freizeit- und vor allem Touristenanlagen mit BesucherInnenzahlen in Millionenhöhe. Man denke nur an den Schlosspark Schönbrunn, der mit Konzerten, Märkten und Veranstaltungen zu einer der Cashcows der Republik geworden ist. Die Tatsache, dass sich die Bundesgärten trotzdem in derart gutem denkmalpflegerischem Zustand befinden, ist in großem Maße einer solchen Führungspersönlichkeit geschuldet. Brigitte Mang stand zwischen 2004 und 2016 in ihrer Funktion als Direktorin den Bundesgärten stets fachkompetent und schützend vor. Dass sie sich dabei vermutlich nicht immer beliebt gemacht hat, liegt auf der Hand.

Sommernachtskonzert Schönbrunn in Wien 2015Vorgänge der letzten Zeit veranschaulichen den Trend, Wirtschaftsbelange dem gartendenkmalpflegerischen Schutz vorzuziehen. Megaevents wie etwa ein geplantes Skirennen im Schlosspark Schönbrunn konnten durch das Veto der Bundesgärten gerade noch abgewehrt werden, doch die bereits seit vielen Jahren bestehenden Expansionswünsche des Tiergartens Schönbrunn werden nun immer lauter. Dieser möchte auf Kosten des öffentlich zugänglichen, historischen Parks im Bereich des Botanischen Gartens sein Territorium erweitern. Nach der Entmachtung der Bundesgärten und der Degradierung zu einem Teil eines „Zentrums für Gartenkultur“, erfordert eine solche Expansion mehr denn je eine umfassende und unabhängige fachliche Begutachtung der Lage. Sollte ein Fachgutachten vorliegen, wurde dieses jedenfalls nicht öffentlich gemacht. Die Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H. hält sich, ebenso wie politisch Verantwortliche und agierende InteressensvertreterInnen, bedeckt.   Abb.1_NutzerdruckSchönbrunn_Drlik2016

Eins und eins macht …?
Gerade wo die Profitmaximierung dem Schutz der Kulturgüter entgegensteht, ist eine unabhängige, gartendenkmalpflegerische Führungsrolle wichtig. Dass nun auf Grund der fehlenden Besetzung der Posten durch einschlägig geschulte und erfahrene ExpertInnen weder die Kontrolle durch das Bundesdenkmalamt, noch der Schutz durch die Bundesgärten gegeben ist, macht es schwer den Anforderungen des Denkmalschutzgesetzes und der UNESCO gerecht zu werden. Zudem wirft die Vorgehensweise kein gutes Bild auf den zuständigen Minister. Das vorgeschobene Argument der notwendig gewordenen Einsparungen ergibt jedenfalls keinen Sinn. Der überwiegende Teil der rund 250 Angestellten ist im gärtnerischen Bereich tätig, als Kostenfaktor bleiben sie bestehen. Vielmehr lässt sich wirtschaftlich gegen die ministerielle Entscheidung argumentieren, kann es doch durch die fehlende Führungskompetenz zu mangelhaften und unwirtschaftlichen Pflege- und Organisationsabläufen und somit zu hohen Folgekosten kommen. Auch der Zusammenhang zwischen einem guten denkmalpflegerischen Erhaltungszustand, einer international repräsentativ auftretenden Persönlichkeit und dem Funktionieren der Anlagen als Touristenattraktion ist offensichtlich. Wer eins und eins zusammen zählt, kann über die Beweggründe der Entscheidungen der vergangenen Jahre seine Schlüsse ziehen.

Geteilte inhaltliche Ressortzuständigkeiten, noch dazu mit unterschiedlichen parteipolitischen Zugehörigkeiten der verantwortlichen Minister – eine solche Handlungsbasis war wohl schon lange problematisch: Die behördliche Aufsicht über die Bundesgärten hat das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, klangvoll Ministerium für ein lebenswertes Österreich genannt. Der leitende Bundesminister, Andrä Rupprechter, ist ÖVP Politiker. Inhaltlich ist das BMLFUW auf agrar- und forstpolitische oder -rechtliche Fragestellungen spezialisiert sowie auf Belange des Natur-, Landschafts- oder Artenschutzes. Die Verankerung der Österreichischen Bundesgärten in diesem Ressort ist geschichtlich begründet, baukulturelle oder künstlerische Materien fallen grundsätzlich nicht in den lebensministeriellen Zuständigkeitsbereich. Zumal die Entwicklungen in Bezug auf die Bundesgärten das mangelnde gartenkulturelle Verständnis dieses Ressorts unterstreichen. Das Österreichische Bundesdenkmalamt wiederum untersteht, als zuständige Behörde für den Schutz historischer Denkmäler und Kulturgüter, dem Bundeskanzleramt. Die amtierende Präsidentin Barbara Neubauer wurde von der damaligen Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) berufen. Im Falle des Schlossparks Schönbrunn, den man im Reigen der Bundesgärten als wirtschaftlich bedeutendstes Kulturgut hervorheben muss, ist die Situation noch schwieriger: Hier zeichnet, neben den Befugnissen des BMLFUW beziehungsweise der Bundesgärten, das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit unter der Leitung des ÖVP Ministers Reinhold Mitterlehner für die Verwaltung verantwortlich. Die eigens eingerichtete Schloss Schönbrunn Kultur- und Betriebsges.m.b.H., eine Ges.m.b.H. im Eigentum der Republik, vertritt unter der Leitung von Franz Sattlecker erwartungsgemäß auch ihre eigenen Interessen. Diese komplexe Konstellation erklärt wohl so manche fachlich nicht nachvollziehbare Handlungsweise der letzten Jahre.  

Perspektiven für Österreichs Gartendenkmäler
Historische Gartenanlagen unterliegen dem Denkmalschutz und verdienen im Sinne der Bewahrung unserer kulturellen Identität Schutz und fachgerechten Umgang. Ebenso wie bei architektonischen Denkmälern muss selbstverständlich auch in historischen Parkanlagen über die Weiterentwicklung und über Möglichkeiten der zeitgemäßen Nutzung nachgedacht werden. Das ist dank der Abteilung für Gartendenkmalpflege im Österreichischen Bundesdenkmalamt und dank der Österreichischen Bundesgärten lange Zeit auf hohem denkmalpflegerischem Niveau passiert. Der historische Parkbestand unseres Landes konnte zu einem großen Teil gut in das 21. Jahrhundert geführt werden. Doch die Wertigkeiten verschieben sich zunehmend von Kulturerhalt in Richtung Bewirtschaftung. Um den Weg in diese fragliche Richtung zu ebnen, mussten unter dem Deckmantel der Verwaltungsreform politische Entscheidungen getroffen werden. Doch welche Perspektiven haben Österreichs Gartendenkmäler in einer solchen, politisch motivierten „Verwaltungsreform“?

Stattet man fachkompetente Schutzinstanzen mit entsprechender Weisungsbefugnis aus, gelten Einsprüche gegen Fehlentwicklungen als absolutes Veto. Eine solche politische Maßnahme beinhaltet daher einen gewissen Verlust an politischem Einfluss und ist bei internen wirtschaftspolitischen Absprachen unbequem. Für eine Trendwende zu Gunsten der Österreichischen Gartendenkmalpflege braucht es also eine politische Kraft, die sich nicht nur der Bedeutung der Anlagen als Kulturgüter bewusst ist, sondern sich auch über Wirtschaftsdruck und Partei- oder Interessensabsprachen hinwegsetzen kann.

Die historischen Parks haben viele Minister überdauert. Vermutlich mit einigen Wunden und Schrammen werden die Anlagen auf zukünftige EntscheidungsträgerInnen hoffen müssen, die sich ihrer großen Verantwortung gegenüber dem gartendenkmalpflegerischen Erbe Österreichs bewusst sind. Vielleicht hat Rupprechters Bruch der 250-jährigen bundesgärtnerischen Tradition auch etwas Gutes. Seine Verwaltungsreform könnte weitergedacht zu einem logischen Ressortwechsel der Bundesgärten führen. Kaum etwas rechtfertigt wohl noch die geschichtlich begründete Ressortzuordnung der seit 1921 dem Land- und Forstwirtschaftsministerium unterstehenden Bundesgärten. Bleibt einzig zu hoffen, dass auch kulturverständigere Ministerien künftig wieder größeres Augenmerk auf die für Österreichs Kulturidentität so bedeutenden historischen Parkanlagen legen und eine Abteilung für Gartendenkmalpflege mit akademischer Leitung, entsprechend umfassender Fachkompetenz und der notwendigen Weisungsbefugnis ausstatten.

 

Artikel erschienen in zoll+/ knapp Nummer 30 / Juni 2017

Dem überarbeiteten und erweiterten Text liegt ein Artikel zugrunde, der am 09.07.2016 in der Tageszeitung Die Presse in der Beilage Spectrum in der Rubrik Architektur & Design veröffentlicht wurde.